Der Geisterzug

Inhalt
Es ist die Zeit der Gangsterbosse und der Prohibition. An der Grenze zu Kanada kommt ein Zug mit kreischenden Bremsen zum Stehen. Die Notbremse wurde gezogen. Es regnet in Strömen und die einzige Möglichkeit Schutz für die Nacht zu suchen, ist eine halb verfallene Bahnstation mit einem mürrischen Vorsteher. Dieser berichtet, dass es dort spuken würde. Vor zwanzig Jahren habe es ein schlimmes Unglück gegeben und seitdem gingen die Geister der Toten hier ein und aus. Kann es für die illustre Neujahrsgesellschaft noch schlimmer kommen? Ja, es kann. Neben dem jungen Einfaltspinsel, der Schuld an der ganzen Misere zu haben scheint, und der nervigen Oma mit ihrem heißgeliebten Papagei, taucht zu allem Überfluss auch noch eine Verrückte auf, die von zwei finsteren Gestalten verfolgt wird. Als die Situation zu eskalieren droht, hören die Eingeschlossenen einen Zug herannahen, den es eigentlich gar nicht geben kann…
Personenbeschreibungen
- Richard Winthrop ist ein sehr schlecht gelaunter junger Mann von 28 bis 35 Jahren und steht vermutlich im Militärdienst.
- Seine Frau Elsie ist eine trotzige, eigensinnige und zudem sehr emanzipierte Dame von 25 Jahren. An diesem Abend sind sie auf dem Weg zu einer Silvesterfeier und daher entsprechend gekleidet.
- Saul Hodgkin, der Stationsvorstand, ist ein gesetzter Mann im Alter von 50 Jahren und trägt einen Bart. In der Hand hat er eine große, rote Laterne. Er trägt eine abgenutzte, altmodische Uniform und hat ein Dienstfahrrad.
- Charles Murdock ist ein gutaussehender junger Mann von 25 Jahren, seine Frau Peggy ist ein freundliches hübsches Mädchen von 20 Jahren. Beide sind frisch vermählt und befinden sich auf der Hochzeitsreise.
- Miss Bourne ist eine ältere Dame, die bei ihrer Schwester lebt. Sie hat gute Beziehungen zum Pfarrer ihrer Heimatgemeinde. In der Hand hat sie beim beim ersten Auftritt einen mit einem Tuch bedeckten Vogelkäfig mit einem Papagei darin.
- Teddie Deakin ist ein “nach der letzten Mode” gekleideter, geckenhafter junger Mann mit affektierter Stimme. Anscheinend nimmt er die Probleme der anderen Reisenden nicht ernst und ist immer zu Späßen aufgelegt.
Der Vorhang hebt sich
Und wieder einmal ist es soweit. Wir stehen ganz am Anfang, das Stück ist endlich ausgesucht. Wiedereinmal später als geplant. Die Texte kommen nicht, da sich der Theaterverlag gerade mit einem Anderen zusammenschließt und wichtigeres zu tun hat, als das selten aufgeführte Stück vom Geisterzug an eine Schultheatergruppe zu schicken. Also arbeiten wir mit einem einzigen Text.
Es ist an uns, den Vorhang zu heben. Wir verwandeln nach und nach Schüler in mürrische Stationsvorsteher, galante Ehemänner, keifende Gattinnen und hinterhältge Gangster. Achso, die Oma ist gar keine Frau? Kein Problem, nicht für uns. Wir haben keinen Bahnhof in der Aula? Nichts leichter als das. Nebenbei, müssen die langsam vollständig in ihre Rolle hineinversetzten Generäle, Wahnsinnigen, Doktoren, Fräuleins und jungen Narren auch noch ihren Schulalltag bewältigen. Wir kommen der Sache langsam näher. Die Probleme werden konkreter. Wie kommt der Papagei ins Stück? Woher bekommt man hundert Jahre alte Zugfahrpläne? Wieviele Koffer kann ein einzener Gentleman seiner Frau hinterhertragen? Woher bekommt man Whiskey zu Zeiten der Prohibition, vorallen in Schäftlarn! Und kann man eine alte Dame auf Stöckelschuhen gehen lassen, selbst wenn sie wie ein betrunkener Seemann läuft?
Natürlich werden wir auch damit fertig. Es ist eine Woche vor Aufführung. Die Herren werden charmanter, die Damen anspruchsvoller, die Gangster raffinierter. Mittlerweile glauben wir selbst daran, dass wir hinter dem Vorhang einfach in einen Zug einsteigen und überall hinfahren können, wohin wir wollen. Denn der Geisterzug fährt regelmäßig. Wohin er uns nächstes Jahr wohl bringen wird? Wir wissen es nicht, aber haben schon ein Ticket gelöst…
